First Vienna FC: Mehr als ein Spiel


Wenn 2.500 Fans in den 19. Wiener Gemeindebezirk zum Spiel ihres First Vienna FC gegen Gratkorn pilgern, dann ist das Abstiegskampf pur in der „Heute für Morgen“ Erste Liga. Doch ein Spiel auf der Hohen Warte, der Heimstätte des ältesten, österreichischen Fußballvereins ist mehr als nur ein Spiel…

Montag, 18:04: Von der U-Bahn-Station Heiligenstadt kommend ziehen sie massenhaft den Berg hinauf, mit Ziel Stadion Hohe Warte: Sorgsame Väter mit Kindern, Studenten mit Bier bepackt, bebartet und Kapperl auf dem Haupt, Alt-Eingesessene mit liebevoll um den Hals geschlungenem, blau-gelben Schal. Das Publikum könnte vielfältiger nicht sein, doch der Zweck des Besuches ist ein gemeinsamer: Gegen die Tabellennachbarn aus Gratkorn soll ein Dreier her, und damit die rote Laterne samt Gästen in die Steiermark zurück geschickt werden.

In der Klabundgasse, gleich vor dem Stadion, parken jene, die zuerst gekommen waren. Daneben entsorgen leicht zu spät gekommene ihre am Bahnhof erworbenen Bierdosen im Müllcontainer, gleich nebenan andere die dadurch resultierenden Körpersäfte. Die Stadionkasse wird bedrängt. 2.500 sind es, die die Vienna gegen den direkten Konkurrenten zum erhofften Sieg peitschen wollen.


Bier und Sitzplatz gefunden, ist auf den Anpfiff nicht lange zu warten. Da trübt auch die Tatsache nicht, dass Schiedsrichter Thomas Einwaller zwar ordnungsgemäß einläuft, dabei jedoch der Haupttribüne den Rücken zuwenden lässt. Neben mir nimmt einer Platz, der das Info-Blatt zum Spiel gar nicht aus den Augen lassen mag – wirkt eigenartig, wie er die Aufstellungen inklusive Auswechsel-Spieler beider Mannschaften minutenlang studiert, soll mir aber zu späterem Zeitpunkt noch zu Gute kommen.

Es dauert nicht lange, bis der Großteil der Fans zum ersten Mal von den eben erst eingenommen Sitzen springen darf: 5. Minute, Foulelfmeter von Rade Djokic und schon steht’s 1:0. Traumstart. Da war das inbrünstig vorgetragene „Come on, Vienna“ geradezu hilfreich. Unweit von mir erhebt sich ein graumelierter Herr, geschätzte Mitte 60, und kommentiert Geschehenes trocken, aber alkoholgestützt: „I hob’s gwusst, I hob’s wusst. Gemma!“

Unterdessen machen die Gastgeber weiter Druck, scheinen trotz angespannten Nervenkostüms alles unter Kontrolle zu haben. Einzig Coach Alfred Tatar eilt erbost zur Linie und setzt sich kurzerhand mit einem dezenten „Leck mich am Arsch“ wieder auf seinen Platz. Weiters nicht schlimm, da Wolfi Mair in der 27. Minute auf 2:0 erhöht.

Der G’schropp hinter mir brüllt „Vienna, Vienna“ in meinen Gehörgang. Auf die Frage, ob er sich nicht zu den Kollegen vom Fanklub begeben möchte, erwidert er mit seinen unschuldigen, nicht ein mal zehn Jahren: „Würd ich ja schon, aber der Papa sagt ich darf noch net.“ Ist ein Argument, wie auch das Spiel der Blau-Gelben, das ihnen einen komfortablen 2:0-Pausenstand beschert.

Da stimmen die soeben erst im Stich gelassenen Kollegen vom Fanklub mit Dudelsack-Untermalung ein herzliches Geburtstagslied zu Ehren der Vereinssekretärin an. Man kennt sich, und schätzt sich. Mehr als einen Refrain gibt’s aber doch nicht. Schnell ab zum Häusl, wo die Warteschlange elendig lange, aber Britannien-ähnlich gesittet, verläuft. Man fügt sich, und schafft es rechtzeitig. Der Druck nimmt erst wieder zu, als man nach bestellter Currywurst ein leicht zynisches „Kumm währendm Spü, do frisst kaner mehr“ vernimmt.

Gesagt getan, die Vienna spielt wieder, die georderte Wurst wandert in der Speiseröhre gen Magen. Vor mir versorgen sich zwei einander Unbekannte gegenseitig mit weißen Spritzern. Doch die Liebe zum Mischwein verbindet. Weniger verbindet die Chemie zwischen Einwaller und Tatar, welcher erneut die Outlinie erstürmt. Wortlaut bereits bekannt. Die Gelben Karten, der steigende Druck der Gäste und wohl auch die Hoffnung auf einen Sieg heizen die Stimmung an. Abseits des Feldes, wie am Platz. Die Gangart wird rauer, die Chancen sinken.

Bis dann drei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit Gratkorn das 1:2 erzielt, plötzlich wieder ganz nahe dran ist der Vienna das Abstiegsgespenst zurückzuballern. Torschütze? Fehlanzeige. Im Trubel der Ereignisse verpasst, wo mein Sitznachbar ins Spiel kommt, der mir Oberlehrerhaft den Namen vom Zettel betet: Maritschnegg. „Ah, danke“, weiß ich seine Bemühungen zu würdigen. „Eh beidl“, meint er und widmet sich wieder seinen Studien.

Doch nur zwei Minuten später erhält er erneute Einsatzzeit, als er sich in ein und derselben Minute zuerst eine eben erst gekaufte Marlboro schnorrt, um mir kurz später den Schützen des 3:1 zu erläutern: Markovic macht in der 89. Minute das 3:1 für die Vienna und damit alles klar. Statt „Come on, Vienna“ ertönt ein selbstsicheres „We are Vienna“, die Dame links hinter mir brüllt zum hundersten Male im Beisein ihres Gattens ein lustvolles „Richie“ dem eingewechselten Strohmayer hintennach und die Spritzer-Fetischisten suchen den Weg zum Rinnsal.

Abpfiff. 2.500 trieben ihre Mannschaft zum Sieg, leeren die zwischendurch des öfteren nachgefüllten Becher mit zielgerichteten Zügen und ziehen zum Ausgang. Dort wartet ein einsamer Ordner, obwohl mit Funkgerät bewaffnet von Kollegen nicht vom Endstand informiert und offenbar taub dazu, und erfrägt den Endstand. Mitgeteilt, erfreut er sich und weist mich zwischen zwei parkenden Autos durch. Dann erlischen die Lichter auf der Hohen Warte. Doch nur für kurz. Der Strom soll – so es nach der Vienna geht – noch lange nicht ausgehen in Österreichs zweiter Liga. Immerhin, Fußball ist mehr als ein Spiel…



(Fotos by Jürgen Hofer)

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~ von hofaj - Mai 16, 2011.

Eine Antwort to “First Vienna FC: Mehr als ein Spiel”

  1. passend dazu, ein altes fundstück: https://chancentod.wordpress.com/2009/04/17/scheisegal-wer-gwinnt-oida/

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