36 Runden Bundesliga: ORF als reiner Wien-Funk?


Fußball im ORF: Das ist neben Gratwanderung aus Unterhaltung und Depression vor allem eine Angelegenheit für die Wiener Klubs. Keine subjektive Meinung, sondern Fakt, wie eine Initiative namens „36 Runden – Die Petition für mehr Gerechtigkeit bei ORF-Live-Spielen“ moniert. Neben dem historischen Streit zwischen Hauptstadt und den anderen acht Bundesländern birgt dieser Konflikt Potential, zu einem richtungsweisenden puncto TV-Übertragung zu werden. Chancentod macht sich Gedanken über Pro und Contra dieser Initiative.

Pro

– Neun Mal Rapid, fünf Mal Austria (Doppelzählung auf Grund des Wiener Derbys): So oft zeigte der ORF die Wiener Klubs in den ersten 13. Runden der Bundesliga-Saison 2010/2011. Damit kommen die beiden Klubs auf weitaus mehr Auftritte als alle anderen Klubs gemeinsam – Gleichberechtigung sieht zahlenmäßig anders aus.
– Für die Initiative spricht ebenfalls, dass – wie im offenen Brief an den ORF angesprochen – am Küniglberg tabellenbezogene Spitzenspiele nicht beachtet werden. Durch die Definierung der Live-Partien bereits vor Saisonstart verweigert der ORF offensichtlich Einflussnahme auf sportliche Änderungen.
– Neben der Übertragung in der Bundesliga „steht“ der ORF auch abseits des Ligaalltags auf die Grün-Weißen aus Hütteldorf: So zeigte man beispielsweise in der Vorbereitung den freundschaftlichen Test der Rapidler gegen den RSC Anderlecht über volle 90 Minuten live im ersten Programm. Sturm Graz gegen die Blackburn Rovers gab’s hingegen maximal live im Stadion, Red Bull Salzburg und die Austria aus Wien flimmerten in der Vorbereitung auch nicht über den Schirm. Auch der LASK durfte gegen Schalke 04 zum Geburtstag keine ORF-Geschenke erwarten.
– Rapids Klubpräsident Rudi Edlinger hatte sich mit seinem Veto in den TV-Verhandlungen klar gegen Pay-TV-Sender Sky und damit für den ORF ausgesprochen. Die Vermutung, dass man es Edlinger mit vielen Live-Spielen seitens des ORF dankt, liegt natürlich fern.
– Rapids Trainer Peter Pacult ist nicht nur Erfolgsgarant bei den Hütteldorfern, sondern auch Mitglied im Publikumsrat des ORF. Das ist durchaus legitim und lobenswert, einen Vertreter des Fußballs in diesem Gremium vertreten zu haben – Gleichgewicht unter den Fußball-Trainern der Bundesliga herrscht jedoch nicht.

Contra

– Ganz ehrlich, wer will Live-Spiele in halbleeren Arenen bei Mattersburg, Wr. Neustadt, Kapfenberg und Konsorten sehen? Lieber neun Mal ein volles Hanappi, denn Werbung für den österreichischen Fußball sind weder die Spiele noch die Stadien der „kleinen“ Vereine.
– Wer zahlt schafft an: Von den Sponsoren gibt’s – je nach Größe des Vereins – jährlich satte Sponsorengelder. Diese spiegeln sich in den TV-Minuten des jeweiligen Teams wieder, oder umgekehrt. Da Sturm Nachwuchsexporte zu Geld macht und bei Salzburg die Kohle eher zweitrangig ist, müssen die Wiener Vereine als Teil der „vier Großen“ eben schauen, dass sie Sponsorengelder lukrieren – mit den Übertragungszeiten als Starthilfe.
– Wer die Spiele seiner Mannschaft sehen will, hat immer noch die Chance auf Bezahlsender Sky zu wechseln. Für relativ – im Vergleich zu Bierpreisen im Stadion – geringes Geld gibt’s dafür alle Spiele live. Von manchem Fußballkenner auch bezüglich Form der Berichterstattung bevorzugt.
– Dem Volk auf’s Maul geschaut: Laut einer Studie von sport+market ist Rapid Österreichs beliebtester Fußballklub. Warum also nicht der Mehrheitsmeinung nachgehen und die Grünen zum Wohlwollen der Masse auch zeigen?

Das Fazit ist ein diffiziles, je nach Fanschaft und medienpolitischer Überzeugung werden die Meinungen gespalten sein. Das ist insofern gut, da es die Diskussion über mediale Zustände in Österreich erst zu Tage fördert. Dem war in der Vergangenheit nicht immer so…

Advertisements

~ von hofaj - Oktober 14, 2010.

6 Antworten to “36 Runden Bundesliga: ORF als reiner Wien-Funk?”

  1. Ich (als ein Vertreter von 36Runden) finde es ja schön, dass das erste Contra-Argument den ORF stärker kritisiert, als wir das tun: bis Runde 13 wird ja nicht 9x das volle Hanappi-Stadion zu sehen sein, sondern 9x Rapid – aber u.a. in den „halbleeren Stadien“ von Mattersburg, Kapfenberg „und Konsorten“.

  2. Korrektur: In Mattersburg spielt natürlich die Austria, aber dafür darf Rapid in Neustadt ran. Und „Konsorten“.

  3. tendenziell sind bei Spielen von Rapid aber doch mehr Fans als wenn etwa die „Kleinen“ untereinander spielen – dahingehend zielt die Kritik, dass Spiele der „Großen“ immer vor besserer Atmosphäre stattfinden.

    Lustigerweise sehe ich heute schon wieder ein paar Dinge ganz anders, vielleicht hab ich auch zu krampfhaft nach Contra-Argumenten gesucht 🙂

    Aber wie schon erwähnt, ich finde es absolut lobenswert, dass ihr euch der Thematik überhaupt annehmt – welchen Effekt das auch immer haben wird, gut dass überhaupt mal drüber diskutiert wird!

  4. Unsere Anfrage selbst beleuchtet eh durchaus unterschiedliche Aspekte; wir würden prinzipiell ja verstehen (nicht akzeptieren!), dass der ORF nur Rapid- oder Austria-Spiele zeigt, weil diese die beste Quote bringen – aber die Statistiken (auch der vorigen Saisonen) können diese These nicht bekräftigen. Darum würde es uns eben brennend interessieren, nach welchen Kriterien der ORF nun tatsächlich auswählt – sind’s die Quoten, ist er auf dem Holzweg.

    Geht’s hingegen darum volle Stadien zu zeigen, dann hätte man das perfekt mit Innsbruck – Ried demonstrieren können, zudem war das auch sportlich eine relevante Partie, ging ja immerhin um die Tabellenführung. Will aber nicht mit Einzelbeispielen kommen.

    Generell sind wir der Meinung, dass ein TV-Sender, der sich nur bedingt durch Eigenmittel finanziert, sehr wohl eine ausgewogene Auswahl der Vereine verfolgen muss.

    Wir sagen aber Danke dafür, dass auch Chancentod in diese Diskussion eingestiegen ist! Wir würden uns freuen, wenn auch Ihr weiterhin am Thema dran seid.

  5. da geb ich euch völlig Recht – und unter der Hand, sogar mich als eingefleischten Grün-Weißen zipft es ziemlich an…das sagt dann eh schon viel über die Programmgestaltung des ORF aus 🙂

    Wir steigen gern in jede Diskussion ein, die dem heimischen Fußball irgendwie weiterhilft – ob mit den richtigen Ansätzen kann jeder für sich entscheiden, aber wichtig ist die Diskussion an sich!

  6. für alle Interessierten/Unterstützer gibt’s hier eine Online-Petition: http://www.90minuten.at/index.php/90minutenfussball/36runden/petitionunterschreiben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: