Von Dublin, Jerewan und Shkoder


Wie wir alle wissen, endet die Fußballwelt nicht in Barcelona, Manchester und Mailand – und das ist auch gut so. Denn obwohl sie von beinahe allen Medien totgeschwiegen wurden, bieten auch Klubs wie Bohemians Dublin, Sligo Wanderers, Vllaznia Shkoder, Siroki Brijeg und Banants Jerewan viel Wissenswertes und Spannendes. Wie schon aus dem Vorjahr gewohnt, gibt es auf chancentod ausführliche Portraits dieser medial vernachlässigten Balltreter, die in der kommenden Europacupsaison auf österreichischem Rasen zu sehen sein werden.

Bohemians Dublin (vs. Salzburg)

Salzburgs Kontrahent in der Champions-League-Qualifikation gehört zu den irischen Traditionsklubs schlechthin: Im Jahr 1890 gegründet, war der Verein aus dem Norden Dublins Gründungsmitglied der FAI League of Ireland im Jahr 1921 und spielt seitdem konstant im irischen Oberhaus. Während dieser Zeit sicherten sich die „Bohs“ insgesamt zehn Meistertitel und holten sieben Mal den FIA-Cup – im internationalen Geschäft war man jedoch nur mäßig erfolgreich. In der Champions League war die zweite Quali-Runde das höchste der Gefühle (zuletzt 2003/04 gegen Rosenborg Trondheim), aber auch im UEFA- und Intertoto-Cup kam spätestens nach vier Matches das Aus.

Davon ließen sich die Fans aber nicht abschrecken und gründeten 2007 eine Ultrà-Gruppierung namens Notorious Boo-Boys, die im Dalymount-Park – der Heimstätte der „Gypsies“ – für Stimmung sorgen. Das wurde auch höchste Eisenbahn, immerhin glichen Irlands Stadien in der Vergangenheit stimmungsmäßig einem Leichenschauhaus. Doch das ändert sich derzeit rapide: Zusammen mit den Shamrock Rovers Ultras, Corks Commandos 84 und Shelbournes Briogáid Deargin stehen die NBB’s für Support in bester Tiffosi-Tradition – so haben zuletzt Choreos, Doppelhalter und Fahnen Einzug in Irlands Stadien gehalten. Langsam aber sicher wird also auch die ultràresistente Insel Teil der europaumspannenden Fankultur.

Star der Bohemians Dublin ist der 31-jährige Angreifer Jason Byrne, der sich von 2003 bis 2006 die Torjägerkrone in Irland sicherte – damals aber noch im Dress der Bray Wanderers und des FC Shelbourne. In den bisherigen 17 Runden der FAI League of Ireland traf der zweimalige irische Internationale 14 Mal ins Schwarze. Mit dem Kameruner Joseph Ndo steht außerdem ein WM-Teilnehmer von 1998 und 2002 im Kader der Hauptstädter. Trainiert wird der aktuelle irische Tabellenführer von Pat Fenlon.

Die chancentod-Einschätzung: Die Dubliner dürften kein wirklicher Prüfstein für die Salzburger sein. Dennoch: Unterschätzen sollte man die Insel-Kicker nicht. Man denke hier zum Beispiel an St. Patricks Athletics, das der Hertha aus Berlin in der UEFA-Cup-Quali des Vorjahres im Heimspiel ein 0:0 abtrotzte. Wenn die Dubliner Beton anrühren, könnte sich Salzburg zumindest im Auswärtsspiel die Zähne ausbeißen.

Sligo Rovers (vs. Rapid Wien)

Die Sligo Rovers wurden 1928 nach einer Fusion der beiden Vereine Sligo Town und Sligo Blues gegründet und spielen – mit kurzen Unterbrechungen in den 40er und 60er Jahren – seit 1934 in der FAI League of Ireland. Der Klub holte zwei Mal den irischen Meistertitel (1937 und 1977) und sicherte sich 1983 und 1994 den FIA-Cup. Sowohl die Mannschaft als auch das 9.681 Zuschauer fassende Stadion The Showgrounds gehören den Einwohnern der Stadt Sligo, wobei die Arena 1968 von einer Stiftung erworben wurde, um den Rovers eine sichere Heimat zu geben.

In der vergangenen Saison gaben die Klub-Verantwortlichen bekannt, dass man mit rund 130.000 Euro in den Miesen stehe und die Saison vermutlich nicht beenden könne – doch es kam anders und die Rovers qualifizierten sich für die Euro-League. Heuer läuft es für die Iren um einiges schlechter: Momentan liegt der Klub von Trainer Paul Anthony Cook in der Liga nur auf Platz acht, vom Tabellenletzten Bray trennen die Rot-Weißen nur zwei Punkte.

Der Star der Mannschaft ist der 27-jährige Mittelfeldspieler Owen Morrison, der im Sommer 2008 vom Ligarivalen Derry City geholt wurde. Während seiner Laufbahn schnürte er unter anderem bereits seine Schuhe für Sheffield United und Sheffield Wednesday. Der gebürtige Nordire stand bisher in allen Saisonspielen auf dem Platz, konnte sich aber bisher noch nicht in dei Torschützenliste eintragen.

Die chancentod-Einschätzung: Was für Salzburg gilt, gilt auch für Rapid: In der derzeitigen Form sind die Rovers – sollten sie aufsteigen – kein echter Prüfstein; auch in der Meisterschaft gingen die letzten drei Spiele verloren. Der Vizemeister aus Österreich muss gegen einen Abstiegskandidaten in Irland einfach die Oberhand behalten.

Vllaznia Shkoder (vs. Rapid Wien)

Wie so viele Fußballvereine im südosteuropäischen Raum machte Vllaznia Shkoder in in der Vergangenheit zahlreiche Namensänderungen durch. Der Verein aus der nordalbanischen Stadt Shkodra wurde im Jahr 1919 unter dem Namen KS Bashkimi Shkodër gegründet, ehe man ihn zehn Jahre später in Bashkimi Shkodran umbenannte. Unter diesem Namen trat der Verein 1930 in der damals neu gegründeten albanischen Liga an; danach folgten drei weitere Namensänderungen, bis man im Jahr 1958 schließlich beim Status Quo ankam. Der neunmalige albanische Meister spielte 1978/79 erstmals im Europapokal; in der vergangenen Saison scheiterten die Rot-Blauen in der UEFA-Cup-Quali mit einem Gesamtscore von 0:8 am SSC Napoli.

Die Stütze der Mannschaft ist der 28-jährige albanische Internationale Elvin Beqiri, der in der Innenverteidigung von Vllaznia gesetzt ist. Der 35-malige Nationalspieler kam in der Vorsaison vom ukrainischen Klub Metalurg Donezk; seinen Marktwert schätzt transfermarkt. at auf rund 1,25 Mio. Euro.  In der Offensive kann Trainer Dervish Hadziosmanovic auf den 21-jährigen Xhevahir Sukaj zurückgreifen, der erst im Jänner vom Hacettepe SK (Türkei) zur Mannschaft stieß und bis Ende der Meisterschaft 14 Mal einnetzte.

Die chancentod-Einschätzung: Auch die Albaner dürften für Rapid keine allzugroße Hürde sein. Sollte Vllaznia aufsteigen, ist Rapid klarer Siegkandidat.

NK Siroki Brijeg (vs. Sturm Graz)

Auf den ersten Blick verbindet Österreich nichts mit dem Verein aus dem Südwesten Bosniens – aber nur auf den ersten Blick. Der ehemalige FC-Kärnten- und Austria-Wien-Legionär Sasa Papac erlernte dort das Balltreten ebenso wie Mario Bazina, der zu Saisonbeginn zu seinem Ex-Verein zurückkehren wird – ob als Spieler oder als Sportdirektor, ist noch völlig unklar. Der Jugendklub der „Zaubermaus“ wurde im Jahr 1948 gegründet und firmierte bis 1996 unter dem Namen Mladost. Der zweimalige Meister (2004 und 2006) holte 2007 den bosnischen Pokal, international waren die Erfolge hingegen dünn gesät. Im Vorjahr kam in der zweiten Runde der UEFA-Cup-Quali gegen Besiktas Istanbul das Aus (Gesamtscore: 1:6). Heuer rutschte man eher durch Zufall in den internationalen Bewerb, da Sloboda Tuzla (Dritter) und Borac Banja Luka (Fünfter) die UEFA-Lizenz-Kriterien nicht erfüllten.

Der klingenste Name im Kader der Südwest-Bosnier ist ohne Zweifel der schon erwähnte Mario Bazina; zu den bekannteren Ballesterern zählen auch der Ex-Kärntner Stanko Bubalo und Alen Oroz, der zuvor für den FC Lustenau und Rapid Wien tätig war. Der torgefährlichste Stürmer der Bosnier ist der 23-jährige Ivan Zovko, der in der Vorsaison sieben Mal einnetzte – er wird von transfermarkt.at irrtümlicherweise als Tormann geführt.

Viel Sprengstoff birgt die Anhängerschaft des Klubs, die sich unter dem Namen „Skripari“ gruppiert hat.  Diese Bezeichnung entstand durch antikommunistische Widerstandskämpfer, die in dieser Gegend unter diesem Namen bekannt waren. Brisant dürfte das Zusammentreffen der beiden Fangruppierungen werden: Während die Grazer Kurve politisch als eher linksorientiert gilt, werden die Skripari – zumindest in einigen Internet-Foren – mit der Ustasa-Bewegung in Verbindung gebracht – der kroatischen faschistischen Bewegung. Außerdem sollen sie einer 3. Halbzeit nicht abgeneigt sein.

Die chancentod-Einschätzung: Sturm Graz dürfte mit den Bosniern – falls sie aufsteigen – den unangenehmsten Gegner des österreichischen Europacup-Trios gezogen haben. Alles andere als ein Aufstieg wäre dennoch unakzeptabel, allein deshalb, weil man im steirischen Süden zuletzt eher auf den schnellen Erfolg als auf langfristige Jugendarbeit setzte.

Banants Jerewan (vs. Sturm Graz)

Banants Jerewan wurde 1992 in der Stadt Abowjan gegründet und gewann auf Anhieb den armenischen Pokal. Dem Umzug nach Jerewan 1995 folgte eine lange Durststrecke, denn erst 2007 konnte man den Pott erneut holen. 2005 und 2006 war man knapp dran, unterlag im Finale aber Aschtarak und Pjunik. Banants spielt zurzeit im Nairi-Stadion mit einem Fassungsvermögen von 6.800 Zuschauern.

In der vergangenen UEFA-Cup-Saison trat Banants bereits gegen einen österreichischen Vertreter an: Red Bull Salzburg. Die Mozartstätter rissen die Armenier aber mit einem Gesamtscore von 10:0 aus den Europacup-Träumen. Auffälligster Spieler der Mannschaft ist Samvel Melkonyan – er kam im Jänner 2009 von Metalurg Donezk (UKR) zu Banants und ist mit einem geschätzten Marktwert von 600.000 Euro der teuerste Spieler seiner Mannschaft. Eine Erwähnung wert ist außerdem Hovhannes Grigoryan – er trägt den selben Namen wie ein armenischer Dichter.

Die chancentod-Einschätzung: Auch hier wären Fodas Jakomini-Jungs haushoher Favorit. Sollten die Armenier gegen Brijeg siegen, darf es in der Aufstiegsfrage nur eine Antwort geben: Sturm Graz.

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~ von Stoffl - Juni 24, 2009.

5 Antworten to “Von Dublin, Jerewan und Shkoder”

  1. sollte es wirklich zum duell sturm gegen NK Siroki Brijeg kommen hoffe ich, dass uns solche bilder erspart bleiben…

    https://chancentod.wordpress.com/2008/08/02/budapester-fight-night-2/

  2. „… weil man im steirischen Süden zuletzt eher auf den schnellen Erfolg als auf langfristige Jugendarbeit setzte.“

    Das kann man auch anders sehen.

  3. Sicher eine Formulierung, über die man diskutieren kann. In Anbetracht des Exodus junger Spieler (Kröpfl, Prutsch, Kaufmann, etc.) kann man von langfristiger Jugendarbeit meiner Meinung nach nicht mehr sprechen.

  4. Natürlich nicht gut wenn die Jungen gehn. Aber ab einem gewissen Alter ist die „Jugendarbeit“ einfach vorbei. Die Integration der Jungen in die Kampfmannschaft zuletzt kann man sicher kritisiere. Jedoch würde ich Sturm deshalb die Jugendareit noch nicht absprechen. Bringen sie doch mit einer Regelmässigkeit gute Spieler hervor.

  5. Gerade weil die Integration nicht geklappt hat und man stattdessen „fertige“ Spieler holte (Hassler, Ehrenreich und wie sie alle heißen), hab ich die Formulierung so gewählt. Die Jugendarbeit ist sicher eine der besten in Österreich, nur bringt das dem Klub nichts, wenn er seine Talente nicht einsetzt und sie später um einen Spottpreis an andere Buli-Klubs abgibt. Man bildet den Nachwuchs eigentlich für direkte Konkurrenten aus – da verstehen die Verantwortlichen den Begriff „Ausbildungsverein“ falsch.

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