Die Genossen in Südafrika


Kim Jon-il wird sich gestern Abend ins Fäustchen gelacht haben. Da investieren Scheichs von Saudi-Arabien über Katar bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten Petromillionen in den Fußball, aber in Südafrika werden die nordkoreanischen Genossen dabei sein. Für die Nomenklatura aus der abgeschotteten stalinistischen Diktatur ist diese Qualifikation ein Jackpot: Ein Jahr lang kann sie nun die zweite WM-Teilnahme nach 1966 propagandistisch ausschlachten. Und wehe, im nächsten Juni gelingt ein Sieg gegen ein westliches, kapitalistisches Land …

Mit dem – dem YouTube-Video zu schließenden eher glücklichen – 0:0 in Riad gegen Saudi-Arabien war die Sensation perfekt: Nordkorea qualifizierte sich als fünftes Team nach Australien, Japan, Südkorea und den Niederlanden für die Weltmeisterschaft 2010. Trotz Confed-Cup ist dieses Großevent noch weit entfernt. Einige Fragen stellen sich aber schon heute:

1) Wie halt ichs denn mit Nordkorea? Als „neutraler“ Fußballfan, wie es so schön und so falsch heißt, wird man es nächstes Jahr bei der WM in Südafrika schwer haben: Zum einen gehören die Sympathien meist automatisch dem Außenseiter. Aber den nordkoreanischen No-Names die Daumen zu drücken, kann auch für moralische Gewissensbisse sorgen. Man mag Bush verdammen, aber als er Kims Reich auf die imaginäre Achse des Bösen setzte, hatte er ausnahmsweise nicht ganz Unrecht: Das Volk wird geknechtet, die internationale Gemeinschaft erpresst und die militärischen Muskeln nur allzu gerne gespielt. Daher sind diesem Regime keine sportlichen Erfolge gegönnt, mit denen sie innenpolitisch ihre Herrschaft legitimieren können.

2) Wird die WM-Teilnahme zum politischen Druckmittel? 1992 wurde Jugoslawien wegen des Bürgerkriegs auf seinem Territorium von der Teilnahme an der Euro in Schweden ausgeschlossen. Die Folgen sind bekannt: Dänemark wurde Europameister, Osim landete ein paar Jahre später bei Sturm. Aktuell spitzt sich die Lage zwischen dem stalinistischem Regime und der internationalen Gemeinschaft wieder einmal zu. Es wird interessant zu beobachten sein, ob ein möglicher Ausschluss Nordkoreas von der Fußball-WM als Druckmittel ins diplomatische Spiel eingebracht wird.

3) Taucht Kim in Südafrika aus? Die WM-Teilnahme wird Kim so viel Freude bereiten wie ein gelungener Atomwaffentest, eine neue Interkontinentalrakete oder ein schöner Ferrari. Ob er aber nach Südafrika reisen wird, darf angesichts seines angeblich schlechten Gesundheitszustandes bezweifelt werden. Die südafrikanische Politikspitze, andere anwesende Staatsgäste und die FIFA-Granden wären sicher nicht unglücklich darüber. Denn wie verhält man sich angemessen gegenüber einem Diktator, der als „Fußballfan“ seine Elf anfeuert?

4) Wird Nordkorea wieder Sensationen liefern wie 1966? Bei der WM in England erreichte die nordkoreanische Elf völlig überraschend das Viertelfinale. Mit einem 1:0 gegen Italien in Middlesbrough warf sie am letzten Gruppenspieltag die „Squadra Azzura“ aus dem Bewerb (Torschütze: Pak Doo Ik).

Das darauffolgende Viertelfinalspiel  gegen Portugal gilt als WM-Klassiker: Im Goodison Park von Liverpool führte der Außenseiter nach 25 Minuten bereits mit 3:0, ehe Superstar Eusebio mit vier Toren und Augusto das Blatt noch zugunsten der Iberer wendeten.

Es dauerte 36 Jahre, ehe mit Südkorea 2002 wieder ein asiatisches Team in die Runde der letzten Acht einziehen konnte. In Südafrika sind solche Erfolge nicht zu erwarten – auch wenn es Respekt abverlangt, eine Qualifikationsgruppe vor Saudi-Arabien und Iran abzuschließen. Allerdings müssen nur die Auftritt dieser beiden Mannschaften bei den letzten Weltmeisterschaften in Erinnerung gerufen werden, um zu erkennen, welches Schicksal Nordkorea im nächsten Juni droht.

5) Ist der Fußball eigentlich unpolitisch? Mit Sicherheit nicht. Alleine der gestrige Mittwoch hat dies bewiesen. Die letztendlich glücklosen iranischen Fußballer liefen zum Teil mit grünen Armbändern in Seoul auf (die Partie gegen Südkorea endete 1:1,). Damit solidarisierten sie sich mit den Demonstranten zu Hause, die gegen Präsident Ahmadinejad und für dessen Herausforderer Moussavi auf die Straße gingen. Wen wunderts: Eine Sportart, die weltweit Millionen in den Bann zieht und im ökonomischen Kreislauf Milliarden bewegt, eignet sich eben hervorragend für politische Instrumentalisierungen aller Art.

Advertisements

~ von jackoby - Juni 17, 2009.

Eine Antwort to “Die Genossen in Südafrika”

  1. ja dann bitte ich gleich Mal um das Duell USA-Nordkorea in der Gruppenphase 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: