Ukrainischer Gipfel in Europa


Kurze Bestandsaufnahme der Ukraine: Die Wirtschaft droht zu kollabieren, benötigt Milliarden vom IWF und bringt westliche Banker gehörig ins schwitzen. Die Politik ist tief gespalten zwischen EU- und Russland-Anhängern, die einzelnen Lager zerstritten und der Geist der „orangen Revolution“ längst dahin. Der Fußball hingegen setzt zu ungeahnten Höhenflügen an. Nach dem Viertelfinaleinzug des Nationalteams bei der WM 2006 in Deutschland gibt es heuer den nächsten Höhepunkt: Im UEFA-Cup-Semifinale treffen Dynamo Kiew und Shakhtar Donezk aufeinander. Einer der beiden Erzrivalen wird gegen ein norddeutsches Team (HSV oder Werder Bremene) das Finale am 20. Mai im Şükrü Saracoğlu Stadium von Istanbul bestreiten. Chancentod porträtiert die beiden Vereine, die trotz ihrer Erfolge im Westen eher unbekannt sind.

Dynamo Kiew, der Rekordchamp

Zwölf Meistertitel und neun Cupsiege (beides zuletzt 2007) seit der Unabhängigkeit der Ukraine: Ohne Zweifel ist Dynamo Kiew der erfolgreichste Club des Landes. Auch zu Sowjetzeiten gewann kein Team mehr Trophäen: 13 Mal wurde Dynamo sowjetischer Meister und neun Mal Cupsieger. Die größten Erfolge gab es unter dem legendären Trainer Walerji Lobanowskji, der Kiew von 1973 bis 1990 und von 1996 bis zu seinem Tod 2002 betreute und daneben mehrmals sowjetischer und ukrainischer Teamchef war.

Unter Lobanowskji gab es auch zwei Triumphe im Europacup der Pokalsieger: 1975 wurde Ferencvaros Budapest im Basler St. Jakobs-Park mit 3:0 besiegt. Die Tore erzielten die beiden Stürmer Wladimir Onistschenko (zwei Mal) und Oleg Blochin. Superstar Blochin traf auch elf Jahre später beim zweiten Europacupsieg: 1986 gewann Dynamo in Stade Municipal von Lyon ebenfalls klar mit 3:0, damals gegen die von Luis Aragones betreute Elf von Atletico Madrid. Die weiteren Torschützen waren Alexander Sawarow und der eingewechselte Vadym Yevtushenko. (Im Viertelfinale schaltete Dynamo übrigens Vorjahresfinalisten Rapid mit 4:1 und 5:1 aus.)

Dynamo schien bis Anfang dieses Jahrzehnts in der Ukraine unantastbar, feierte Ende der 1990er mit dem Traumsturmduo Sergej Rebrov und Andrej Shevchenko auch schöne Europacuperfolge. 1999 erreichte der Hauptstadtclub gar das Semifinale der Champions League und scheiterte nur knapp an Bayern München (3:3, 0:1), das wiederum wenige Wochen später sein Finaltrauma gegen ManU erlitt.

In den vergangenen Jahren verloren die Blau-Weißen aber ihre Vormachtstellung in der Ukraine. Der FC Shakhtar Donezk wurde – dank schwerreichem Präsidenten – zur neuen Nummer 1. Auch im Europacup lief es für Kiew nicht mehr so gut: Die Mannschaft qualifizierte sich zwar regelmässig für die Champions League, schied aber zumeist als Gruppenletzter aus.

Der UEFA-Cup-Erfolg dieser Saison kündigte sich bereits im Herbst an. Dynamo startete fulminant in die Champions League, spielte zuhause gegen Arsenal 1:1, danach bei Fenerbahce Istanbul 0:0, ehe mit dem 1:0-Auswärtssieg beim FC Porto ein Husarenstück gelang. Knappe Niederlagen jeweils durch späte Gegentore beim Retourmatch daheim gegen die Portugiesen (1:2) und im Emirates Stadium (0:1) zerstörten die Achtelfinal-Hoffnungen, mit einem 1:0-Heimerfolg gegen das heuer schwache Fenerbahce erreichte Kiew immerhin den UEFA-Cup.

Dort warf Dynamo dank der Auswärtstorregel zuerst den wiedererstarkten FC Valencia (1:1 zuhause, 2:2 auswärts) und im Achtelfinale die ukrainische Überraschungsmannschaft Metalist Charkiw aus dem Bewerb (1:0 zuhause, 2:3 auswärts). Die Krönung erfolgte im Viertelfinale: Nach einem 0:0 im Prinzenpark-Stadion wird Paris St. Germain beim Rückspiel mit 3:0 gedemütigt.

Zu den Stars des mit zahlreichen Legionären gespickten Kaders zählen der trickreiche Ismael Bangoura aus Guinea, der ukrainische Topstürmer Artem Milevsky, der Kroate Ognjen Vukojević, der brasilianische Verteidiger Betao und Mittelfeldass Serhiy Kravchenko. Im Tor wurde Nationaltorhüter Oleksandr Shovkovsky in dieser Saison vom 25-jährigen Stanislav Bogush verdrängt. Betreut wird Dynamo vom 61-jährigen ehemaligen russischen Teamchef Yuriy Semin.

Weitere interessante Fakten:

  • Der Verein wurde 1927/1928 gegründet, das genaue Datum ist umstritten. Das erste internationale Spiel war übrigens gegen eine Niederösterreich-Auswahl und ging mit 3:4 verloren.
  • Dynamo war die erste Mannschaft außerhalb Moskaus, die sowjetischer Meister wurde (1961).
  • Walerji Lobanowskyj gilt als Erfinder der Viererkette. Nach dem langjährigen Trainer ist auch das aktuelle Dynamo-Stadion mit knapp 17.000 Plätzen benannt. Das eher rustikale Olympiastadion fasst mehr als 83.000 Zuseher.
  • 1993 stand Dynamo vor dem Konkurs. Wie bei vielen anderen Clubs in ähnlicher Situation half ein Präsidentenwechsel: Hryhoriy Surkis ermöglichte dem Verein das Überleben. Heute ist der Multifunktionär Präsident des nationalen Fußballverbandes, die Geschicke bei Kiew bestimmt sein Bruder Ihor.
  • Erst seit dem Jahr 2000 stehen ausländische Spieler bei Dynamo Kiew unter Vertrag. Der erste Legionär war übrigens der nunmehrige Salzburg-Verteidiger Laszlo Bodnar.

 

FC Shakhtar Donezk, die Neureichen

Stronach, schau nach Donezk. Lange, lange hat es gedauert, ehe sich die großen Investitionen bei Shakhtar international bezahlt machten. Zwar wurde man immerhin 2002, 2005, 2006 und 2008 ukrainischer Meister und seit 1995 auch sieben Mal Pokalsieger, im Europacup blieben die großen Erfolge aus. Nun ist man knapp vor dem UEFA-Cup-Finale, nur noch Dynamo Kiew steht der Reise nach Istanbul im Weg.

In der vergangenen Jahren gaben sich einige große internationale Namen in Donezk, einer vom Bergbau und Schwerindustrie geprägten Stadt im Osten der Ukraine, die Ehre: So trainierten Nevio Scala und der „blonde Engel“ Bernd Schuster die Mannschaft. Im Sturm agierten immerhin Parade-Kommunist Cristiano Lucarelli (heute FC Parma), der rumänische Knipser Ciprian Marica (VfB Stuttgart) und der brasilianische Nationalspieler Elano (Manchester City).

Auch ohne diese Stars gibt es noch genügend bekannte Namen bei Shakhtar: Trainer ist der ehemalige rumänische Teamchef Mircea Lucescu, die Verteidigung halten der Tscheche Tomas Hübschmann und der Rumäne Razvan Rat zusammen. Im Mittelfeld geigen die Brasilianer Fernandinho, Jadson und Ilsinho, während ihnen der Kroate Darijo Srna den Rücken freihält. Auch vorne sorgt mit Luiz Adriano ein Brasilianer für Wirbel, neben ihm stürmt mit Oleksandr Gladky einer der wenigen Ukrainier im Donezk-Kader.

Die Quelle all der Erfolge und Stars liegt im Geldbörsel von Clubeigentümer Rinat Achmetow. Der Unternehmer gilt als reichster Mann Europas, sein Vermögen wird laut Wikipedia auf über 30 Mrd. US-Dollar geschätzt. Seit 1996 ist Achmetow, der über seine Beteiligungsgesellschaft „System Capital Management“ (SCM) die Stahl- und Kohleindustrie in der ostukrainischen Region Donbass kontrolliert, Präsident und lässt sich – typisch Oligarch – das Hobby Fußball einiges kosten.

Im Gegensatz zum Traditionsverein Dynamo Kiew riecht Shakhtar Donezk eher nach Fußball-Business und Marketing. So gibt es auf der Websites Mission und Vision Statements wie bei einem börsennotierten Unternehmen. Als „sport destination“ wird beispielsweise angegeben: „To be one of Europe’s top football clubs“.

Das UEFA-Cup-Semifinale basiert wie bei Dynamo auf einem Misserfolg: Shakhtar scheiterte zum wiederholten Male in der Champions League. Nach einem 2:1 in Basel folgte der Knackpunkt bereits am zweiten Spieltag zu Hause gegen Barcelona, als die Ukrainer nicht unverdient bis zu 87. Minute führten, ehe Lionel Messi mit einem Doppelpack die Partie doch noch zugunsten der Katalanen drehte. Zwei knappe 0:1-Niederlagen gegen Sporting Lissabon (zuhause /auswärts) bedeuteten bereits nach vier Spieltagen das Ende aller Träume. Die Wut ließ Shakhtar gegen den FC Basel raus, der Schweizer Meister wurde mit einer 5:0-Packung nach Hause geschickt. Der CL-Abschied gestaltete sich mit einem 3:2-Sieg im Nou Camp gegen Barcas B-Elf versöhnlich.

Im UEFA-Cup waren die Tottenham Hotspurs das erste Donezk-Opfer (2:0 zuhause, 1:1 auswärts). Im Achtelfinale setzte sich Shakhtar gegen CSKA Moskau durch, denen ein 1:0-Heimerfolg nicht reichte: In Donezk setzte es ein 0:2. Auch im Viertelfinale wurde mit Olympique Marseille ein prominentes Team ausgeschaltet und die Gerets-Elf gleich zwei Mal besiegt (2:0 zuhause, 2:1 auswärts).

Weitere interessante Fakten:

  • Shakhtar Donezk ist für einen Fußballverein relativ jung: Die Gründung erfolgte erst 1936 unter dem Namen „Stakhanovets“, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus Shakhtar.
  • Die Ostukrainer waren nie sowjetischer Meister, holten aber immerhin vier Mal den Pokal (1961, 1962, 1980, 1983).
  • In den 60er-Jahren lief sogar Kiew-Legende Walerji Lobanovskji im orang-schwarzen Dress von Shakhtar auf.
  • Angesichts des aktuellen Kaders fast nicht vorstellbar: Auch in Donezk spielen erst seit 2000 Legionäre. Der erste war der eher unbekannte Rumäne Marian Aliuta (heute bei Neftchi Baku).
  • Seit 2003 trägt Skakhtar seine Heimspiele in der Arena von Lokalrivalen Metalurh aus, dem RSC Olympyskiy mit einem Fassungsvermögen von rund 25.000 Zusehern. In unmittelbarer Nähe der eigentlichen Shakhtar-Heimstätte, dem Shakhtyor-Stadion (ca. 30.000 Fans), entsteht die hochmoderne Donbass-Arena, in der die Orang-Schwarzen künftig ihre Heimspiele austragen werden. Das erste UEFA-Fünfsternestadion in Osteuropa (samt Park) ist ein Leibprojekt von Präsident Achmetow. Eröffnet soll das Stadion für 50.000 Besucher noch heuer werden, 2012 werden Spiele der Euro hier stattfinden.

 

Ausgangslage

Wer ist nun Favorit im UEFA-Cup-Semifinale? Geht es nach den Erfolgen der Vergangenheit und dem aktuellen Tabellenstand in der Ukraine heißt der Favorit Dynamo Kiew. Der Rekordmeister liegt nach 25 Runden deutlich mit zwölf Punkten Vorsprung auf Shakhtar in Front. Die Erfolge der jüngeren Vergangenheit und die höhere Dichte an internationalen Stars sind Pluspunkte für die Ostukrainer.

Es werden auf alle Fälle zwei heiße Matches. Das zeigte sich bereits beim Abschlusstraining von Donezk im Kiewer Lebanowskji-Stadion: Mehrere Rauchgranaten wurden aufs Spielfeld geschmissen, bei dem Zwischenfall wurde glücklicherweise niemand verletzt.

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~ von jackoby - April 29, 2009.

2 Antworten to “Ukrainischer Gipfel in Europa”

  1. 1996/97 ist Rapid dann allerdings auch mit einem 2:0 und 4:2 gegen Dynamo Kiew in die Gruppenphase eingezogen 🙂

    btw: tolles portrait!!!

  2. toller bericht, danke!
    aleksandr aliev wäre bei den wichtigsten spielern von dynamo noch erwähnen

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