Kleine Regelkunde


Es gibt regeltechnisch einige Graubereiche im für unser aller Lieblingssport zuständigen FIFA-Regulativ. So wie zum Beispiel in den aktuellen Spielregeln 2008/2009 kein Wort über „passives Abseits“ verloren wird (und dieses de facto trotzdem in den Bestimmungen zum Abseits enthalten ist), ist auch das von der 3. Klasse bis in die Champions-League allseits bekannte Sperren des Balles bei einem Freistoss rein regeltechnisch nicht genau definiert. Chancentod hat sich dem Mythos des Ball-Sperrens auf die Fersen geheftet…ÖFB-Regelexperte Gerstenmayer steht Rede und Antwort! (aktualisiert am 10. April 2009)

So wurde etwa Cesc Fàbregas beim gestrigen Champions-League-Duell zwischen FC Villareal und dem FC Arsenal Opfer des Ball-Sperrens: Fàbregas schlenzte – besonders schlitzohrig – den Ball bereits über die Mauer hinweg in das gegnerische Tor, als der Schiedsrichter noch die Mauer zu Recht rückte. Dafür bekam er, regeltechnisch gedeckt, die Gelbe Karte wegen zu frühem Ausführen des Freistoßes. Heißt es doch im FIFA-Regulativ auf Seite 77:

„Der Schiedsrichterpfiff ist zwingend: […] bei Freistössen, wenn die Mauer auf die vorgeschriebene Distanz beordert wird.“

Wie es jedoch dazu kam, dass der Schiedsrichter den Ball „sperrte“ und signalisierte, ihn per Pfiff freigeben zu werden, ist unklar. War es der Wunsch des ausführenden Schützen, ging ein Sperren des Balles eines gegnerischen Spielers voraus oder hatte der Schiedsrichter prophylaktisch den Ball gesperrt?

Und genau hier besteht das Problem, dass dem FIFA-Regulativ nicht genau zu entnehmen ist, wie sich beide Parteien bei einem Freistoß zu verhalten haben. Zwar findet man auf Seite 124 folgende Definition:

„Wenn ein Spieler einen Freistoss schnell ausführen will und ein Gegner, der sich näher als 9,15 m beim Ball befindet, den Ball abfängt, lässt der Schiedsrichter die Partie weiterlaufen.
Wenn ein Spieler einen Freistoss schnell ausführen will und von einem Gegner in der Nähe des Balls daran gehindert wird, verwarnt der Schiedsrichter den Gegner wegen Spielverzögerung.“

Genau genommen widersprechen sich diese zwei Aussagen sogar. Und ob das Sperren des Balles nun erlaubt ist und wenn ja, wie es erfolgt, ob der Schütze oder aber auch die verteidigende Mannschaft 9,15 Meter Distanz zum Ball bzw. eine Mauer fordern dürfen und welche Entscheidung der Schiedsrichter treffen kann, ist unklar.

Dankenswerterweise hat sich Gerhard Gerstenmayer, Regelreferent der Fußball Bundesliga, zur Verfügung gestellt und mir so den mühsamen postalischen Weg zur FIFA erspart. Gerstenmayer war bei 51 Spielen im Ausland und 260 Bundesligaspielen tätig. Als Höhepunkt seiner Karriere bezeichnet er das 3:3-Unentschieden zwischen dem FC Barcelona und Manchester United in der Champions-League-Saison 1998/99, wo er als Schiedsrichterassistent im Einsatz war.

Gerstenmayers Grundaussage zur Ausführung eines Freistoßes lautet wie folgt: „Sollte ein Vergehen durch den Schiedsrichter geahndet werden […] muss die Freistoßausführung in weiterer Folge ein Vorteil für die betroffene Mannschaft, für jene der Freistoß zugesprochen wurde, sein.“

Auf diesem Vorteil basieren sämtliche weitere Bestimmungen bezüglich der Ausführung eines Freistoßes. So darf sich kein gegnerischer Spieler näher als 9,15 Meter zum Ball befinden und die gegnerische Mannschaft ist in der Pflicht, diese Distanz zu wahren. Das bedeutet auch, dass die verteidigende Mannschaft nicht das Recht hat, die Zeit zum Postieren der Mauer einzufordern, um diese nicht für das Foulspiel zu „belohnen“.

Die Freistoßausführende Mannschaft hat hingegen die Möglichkeit, den Ball sofort abzuspielen, auch wenn ein Gegner die obligatorische Distanz noch nicht eingenommen hat. Sollte der gegnerische Spieler hierbei den Ball abfangen, so wird das Spiel fortgesetzt, denn der Ball wurde auf Wunsch der ausführenden Mannschaft schnell abgespielt.

Regelwidrig ist jedoch das absichtliche Blockieren des Balles, der Spieler wird verwarnt und der Freistoß wiederholt insofern der Ball nicht „an den Mann“ kommt.

Das Spiel wird vom Schiedsrichter nur dann gestoppt und der Ball per Pfiff wieder freigegeben, wenn der Spielleiter einen Spieler ermahnt oder verwarnt, wenn sich ein Spielertausch ergibt oder wenn das Spiel auf Grund einer Verletzung unterbrochen werden muss.

Gerstenmayer betont jedoch auch die übliche Regelauslegung in der Praxis, wo auf Wunsch des ausführenden Spielers bei zu geringer Distanz des Gegenspielers das Spiel auf Wunsch des Schützen unterbrochen und nach Postierung der Mauer (deren Abstand der Schütze ja verlangte) mit Pfiff des Schiedsrichters fortgesetzt wird.

Wie bei der Handhabung von Ermahnungen, dem Einschätzen eines Vorteils und vielen weiteren Fällen, die während eines Fußballspiels passieren, plädiert Gerstenmayer an das Fingerspitzengefühl der Schiedsrichter: „Regeltechnisch gibt es 17 Regeln, jedoch lautet die 18. Regel: Denken!“

Das wäre bei so mancher Ausführung eines Freistoßes jedoch nicht nur die Aufgabe des Schiedsrichters, sondern auch die der Spieler…

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~ von hofaj - April 9, 2009.

Eine Antwort to “Kleine Regelkunde”

  1. Hallo!

    ich habe ihnen eine antwort zu diesem thema bereits übermittelt und bitte sie diese in ihrem e-mail nachzulesen. (An den Autor)

    lg
    gg

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