Was wir aus 2008 mitnehmen


Wenn in wenigen Tagen die Silvesterkracherei ein neues Jahr einläutet, blicken wir auf 365 Tage voller historischer Ereignisse zurück: Obama wird US-Präsident, Debakel der Großparteien bei der Nationalratswahl, Bombenanschläge im indischen Mumbai, Inzest-Kriminalfall in Amstetten, Oscar für „Die Fälscher“, Verurteilungen im Bawag-Prozess, Unfalltod von Jörg Haider, Lehmann-Pleite und die Wirtschaftskrise. Sportlich werden vor allem die Heim-Europameisterschaft, die Olympischen Sommerspiele in Peking, die siegreichen Schispringer sowie Aufstieg und tiefer Fall des Bernhard Kohl in Erinnerung bleiben. Chancentod blickt zurück aufs Fußballgeschehen des zu Ende gehenden Jahres und zieht daraus zehn Erkenntnisse. Was nehmen wir Fans aus dem Jahr 2008 mit?

1) Offensive gewinnt Herzen und die Fußballeuropameisterschaft. Nachdem sich 2004 Griechenland zum EM-Titel mauerte und 2006 italienischer Beton erfolgreich war, triumphierte in Wien endlich wieder eine ausgewiesene Offensiv-Mannschaft. Spaniens „Tiki-Taka“ begeisterte. Coach Aragones formte ein Team aus Stars (Torres, Fabregas, Ramos etc.) und „Wasserträgern“ wie Capdevilla und Senna, die in Österreich Fußballgötter wären. Doch nicht nur Spanien zeigte erfrischende Klasse: Auch die Niederlande (bis zum scheinbar unvermeidlichen frühen Out), die Russen, die stets spielfreudigen Portugiesen und (in Ansätzen) Deutschland und Kroatien waren stark. Ganz allgemein war der Trend zum nach vor gerichteten Tempofußball nicht zu übersehen. Da lacht das Fanherz!

2) Österreichs Fußball-Krise ist nicht temporär, sondern permanent. Was vor knapp zehn Jahren in Valencia mit einem desaströsen 0:9 gegen Spanien begann, wurde auch im so heiß ersehnten Euro-Jahr fortgesetzt: der Niedergang des heimischen Kicks. Neben aller Schönrederei bleibt der Fakt, dass Österreich mit nur einem erzielten Treffer und einem Punkt der schwächste Euro-Gastgeber aller Zeiten ist. Auch unter dem neuen Teamchef Brückner gab es nur zu Beginn Achtungserfolge (2:2 gegen Italien, 3:1 gegen Frankreich – Video). Danach ging’s munter weiter bergab. Bezeichnend für die Gesamtsituation das März-Länderspiel gegen die Niederlande, das unser Team nach einer 3:0-Führung noch mit 3:4 verlor. Seit fast zehn Jahren hören wir nun, dass es „bald“ bergauf geht, wir den „Jungen“ Zeit geben sollen und unsere tolle Jugendarbeit in naher Zukunft Früchte tragen wird. Ein Blick auf die derzeitige Situation fast aller U20-WM-Vierten aus dem Vorjahr zeigt: Es warten weitere karge Jahre.

3) Österreichs Fußball-Krise hat endgültig auf die Vereine übergegriffen: Haben seit 1999 immerhin die Bundesliga-Vereine für ein paar Lichtblicke gesorgt (Sturm in der Champions-League 2001, Rapid 2005, Austria im UEFA-Cup-Viertelfinale 2005), sind diese mittlerweile auch nicht mehr konkurrenzfähig. Rapid verlor sang- und klanglos 0:3 gegen Famagusta, die Austria war in Posen zu blöd um aufzusteigen, Salzburg hatte gegen Sevilla nicht den Funken einer Chance und einigen Sturm-Kickern versagten im Elferschießen gegen Zürich die Nerven. Im September war es vorbei mit dem internationalen Geschäft. Trauriger geht’s nimmer!

4) Es gibt im Fußball nichts Ungerechteres als Elferschießen. Diese alte Weisheit wurde im heurigen Champions-League-Finale bestätigt. Beim entscheidenden Elfer rutschte ausgerechnet Chelsea-Kapitän John Terry am glitschigen Moskauer Boden aus, landete am Hintern und setzte den Ball an die Außenstange. Hätte der Verteidiger getroffen, wären die Londener zum ersten Mal „Fußballkönige Europas“ gewesen. So scheiterte Anelka vier Schützen später an van der Sar und ManU durfte mit dem Pokal Ehrenrunden drehen. Terry ist das Herz von Chelsea und gibt seit seiner Jugend alles für den Verein. Warum muss gerade er zur tragischen Figur werden? Rationale Antwort gibt’s keine.

5) Heimmacht Salzburg? Hahaha! Welch Angst und Schrecken verbreitete die Bullenherde jahrelang auf dem heimischen Kunstrasen. Damit ist’s wohl endgültig vorbei. Legendär das entzaubernde 0:7 gegen Rapid am Ostersonntag (siehe Video), das im Rückblick die Meisterschaft zugunsten der Grün-Weißen entschied. Im Herbst verloren die Bullen ein bedeutungsloses Europacupmatch gegen den litauischen Vizemeister Marijampol mit 0:1. Zum Schämen war auch das 2:5 gegen Kapfenberg im November. Wer die Offensivkraft des obersteirischen Aufsteigers kennt, weiß um die Peinlichkeit dieses Debakels.

6) Kegelclub, Sparverein, ÖFB: Ehrenamt ist Trumpf. Nach dem überraschenden Rücktritt des ungeliebten Friedrich Stickler als ÖFB-Präsident setzte im Spätherbst die bisher erfolglose Suche nach einem geeigneten Nachfolger ein. Begleitend wird über die Sinnhaftigkeit eines ehrenamtlichen Präsidenten debattiert. Wie es aussieht, bleibt es aber bei der vorhandenen Struktur. Stattdessen soll Alfred „Gigi“ Ludwig noch mehr Gewicht als bisher erhalten. Damit bleibt der Österreichische Fußballbund organisatorisch weiterhin auf der Ebene von Dorfmannschaften und Sparvereinen.

7) Thomas König ist im Radio noch schlechter als im Fernsehen. Das blamable 1:1 gegen die Färöer wird nicht nur aufgrund des Spielergebnisses in die heimischen Geschichtsbücher eingehen. Auch medienhistorisch wird das Match ein Schmanckerl bleiben: Eine technische Panne verhinderte die Live-Übertragung im ORF. Thomas König versuchte so gut es ging (also schlecht), den Kick blind zu kommentieren. Ein absolut nichtssagendes Standbild von einem früheren Match der Schweizer Nati auf den Atlantikinseln diente 90 Minuten als Hintergrund. Am Nachmittag des Folgetages wurde das Spiel in voller Länge wiederholt (diesmal mit Bild). Soviel zum „public value“ des ORF …

8 ) Im Fußball darf nie aufgegeben werden: 2008 gab es einige vorbildhafte Beispiele, wie mit Leidenschaft bereits verloren geglaube Spiele gedreht werden können. Der türkischen Elf gelang dieses Kunststück bei der Euro dreimal: Ein 0:1 gegen die Schweiz wurde in der „Regenschlacht von Basel“ noch in ein 2: 1 verwandelt (Siegestreffer von Turan in der 92. Minute), die Tschechen nach 0:2-Rückstand bis zur 75. Minute noch 3:2 besiegt (siehe Video) und ein Gegentreffer in der 119. Minute im Viertelfinale gegen die Kroatien postwendend mit einem satten Sentürk-Schuss ausgeglichen. In der heimischen Meisterschaft hätte der SV Mattersburg fast historisches geschafft: Am 18. Oktober lag die Lederer-Elf zur Pause gegen Sturm mit 0:5 zurück, unterlag zuletzt aber „nur“ mit 5: 6 im Pappel-Stadion. Und an das Spiel Österreich gegen die Niederlande kann sich sicherlich auch noch jeder erinnern.

9) Nur Investmentbanker sind geldgieriger als Fußballprofis: Für den Transfer des Jahres sorgte der brasilianische Stürmer Robinho. Sein Abgang von Real Madrid zum FC Chelsea galt als fix. Doch am 30. August – ein Tag vor Ende der Transferfrist – stieg der Staatsfond von Abu Dhabi bei Manchester City ein. Flugs unterschrieb Robinho bei den hellblauen Stadtrivalen von United. Chelsea schäumte. Mittlerweile sieht man die Sache wohl gelassener: Während die „Blues“ einen Punkt hinter Liverpool auf Platz 2 liegen, steht Man City auf einem Abstiegsrang.

10) Achtung, die Russen kommen! Russland könnte in Zukunft ein schwergewichtiger Player im internationalem Fußball werden. Indiz Nr. 1: Zenit St. Petersburg holte sich als zweite russische Mannschaft nach ZSKA Moskau (2005) den UEFA-Cup, auf den Weg dorthin besiegten die Russen u.a. Leverkusen auswärts mit 4:1, Bayern zu Hause mit 4:0 und die Glasgow Rangers im Finale in Manchester mit 2:0. Indiz Nr. 2: Guus Hiddink führte die Nationalelf mit Traumfußball ins Euro-Halbfinale (siehe Video). Rückschläge wie das CL-Aus von St. Petersburg im Herbst dürften die Operation Weltspitze nicht gefährden.

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~ von jackoby - Dezember 27, 2008.

Eine Antwort to “Was wir aus 2008 mitnehmen”

  1. sehr, sehr netter Jahresrückblick!

    Auf die viel zu schnell vergangene EURO – in jeder Hinsicht – kann man nur wehmütig zurückblicken…

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