Ultras am Pranger


„Liebe ist … 90 Minuten Leidenschaft“ – Im Fanshop des SK Sturm hängt ein T-Shirt, auf dem das Comicmanderl aus der bekannten „Liebe ist …“-Reihe mit Sturm-Shirt treuherzig potentielle Käufer anlacht Kann man die Fußballphilosophie von Ultras besser auf den Punkt bringen? Ultras garantieren Stimmung und unterstützen ihren Klub – bedingungslos. Der Lieblingsverein muss schon ziemlich viel Mist gebaut haben, damit der Support verweigert wird. Doch diese beinahe blinde Loyalität wird nicht von jedem honoriert.

Provokant titelte das deutsche Fußballmagazin 11 Freunde ihre Dezember-Ausgabe: „Ruhe bitte! Wie die Ultras die Stimmung im Stadion kaputt machen“. Autor Philipp Köster fällt in der Titelstory ein hartes Urteil über die organisierte Fanszenen: „Die Ultras waren einst angetreten, die Fankultur zu retten. Stattdessen haben sie vielerorts aus den Kurven gut gedrillte Männerchöre gemacht, mit Megaphonen, strengen Hierarchien und einfallslosem Dauergesang.“ Die Ultras hätten sich vom ursprünglichen Sinn und Zweck einer Fankurve entfernt, nämlich als „12. Mann“ die eigene Mannschaft zu unterstützen. Köster vermisst die „Wildheit, Anarchie, Spontaneität“ früherer Zeiten.

Sportnet-Redakteur Gernot Hörwertner nahm den Steilpass aus Deutschland gerne auf: In seinem Kommentar stimmte er Kösters These zu und legte nach: „Obwohl die Kurve noch nie so laut und stimmungsvoll war, hat das Ganze nur mehr wenig mit dem Sport zu tun. Der Support ist oft völlig losgelöst vom Geschehen auf dem Rasen. So kommt es nicht selten zum grotesken Fall, dass eine Heim-Mannschaft trotz 0:3-Rückstandes scheinbar frenetisch unterstützt wird. Dabei feiert sich der Block in Wahrheit nur selbst.“ Hörwertner geht sogar so weit, zwischen Fans und Ultras zu unterscheiden – ergo: Ultras seien keine Fans.

Dabei ist diese Kritik gar nicht so neu, wie es den Anschein hat. Bereits 1978 (!) – damals gab es Ultras zwar in Italien, nicht aber in Deutschland und Österreich – kritisierte der Sportsoziologe Gerd Hortleder im Suhrkamp-Band „Sport in der nachindustriellen Gesellschaft“ das Verhalten organisierter Fangruppen. Der Soziologe nannte als Beispiel die „Frösche“ von Hertha BSC Berlin. „In der Tat kann von einer Kommunikation zwischen den Spielern auf dem Rasen und den Massen auf den Rängen nicht mehr die Rede sein, wenn die (…) Fans (…) auch dann auf ihren Plätzen grölend hoch- und niederspringen, wenn sich auf dem Spielfeld so gut wie nichts tut. Es handelt sich hier um kollektiven Narzissmus, durch den der Fußballsport ins Zwielicht gerät.“ (S. 85/86).

War der Support früher wirklich besser, wie Hörwertner meinte? Ich bin leider zu jung, um das zu beurteilen. Seitdem ich regelmässig ins Stadion gehe (etwa 1996), gibt es organisierte Fangruppen, die mit den Jahren immer mehr Mitglieder bekommen haben. Das „früher“ kenne ich nicht.

Der berühmte „Roar“ in den englischen Stadien hat was, keine Frage. Und minutenlanger eintöniger Gesang der Ultras ist einschläfernd, auch wahr. Dennoch: Das System der organisierten Fangruppen in Frage zu stellen und deren Leidenschaft als pure Selbstverliebtheit abzustempeln, ist unfair. Die – wenn auch teils straff organisierten – Fangruppen sind die wohl letzte Bastion gegen die totale Verkommerzialisierung des Profifußballs. Sie zu kritisieren, ist notwendig. Sie in Frage zu stellen, ist Wasser auf den Mühlen der „Family Football“-Lobbyisten.

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~ von jackoby - Dezember 11, 2008.

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