Eine Lanze für Karel


Brückner-Bashing, der neue Trendsport unter Österreichs Fußball-Koryphäen und solche, die sich für Experten halten. Seit den tragischen Auftritten des Nationalteams gegen Litauen, Färöer und Serbien wird die Schuld primär beim Tschechen gesucht. Die konkreten Vorwürfe sind aber teils provinziell-lächerlich. Hofa hat vor wenigen Tagen bereits mit Hilfe der Statistik versucht, den Kritikern Wind aus den Segeln nehmen. Hier folgt noch mehr Munition „pro Brückner“.

Der Teamchef hat bisher sicherlich nicht alles richtig gemacht – im Gegenteil, er hat sogar einiges verbockt. Abgesehen vom sportlichen Bereich (Maierhofer als Solospitze in Litauen, Hoffer als rechter Flügel gegen Serbien, Einberuf von Hölzl während eines Formtiefs), ist der Tscheche vor allem in eine genuin österreichische Falle getappt: Er hat sich nicht angepasst, sondern wollte seinen eigenen Weg gehen.

Vorwurf 1: Karel Brückner kann nicht gut mit den Medien.

Muss er das? Kann ein Teamchef in Österreich nur überleben, wenn er auf ein dichtes Netzwerk von befreundeten Journalisten und Fußballlobbyisten zurückgreifen kann? Schneckerl, Johann K. und Färöer-Pepi konnten sich, wenn’s brenzlig wurde, stets darauf verlassen, dass zumindest Krone und ORF die Fans um Geduld baten und aus einzelnen gelungen Aktionen im Nachhinein ein ansehnliches Spiel konstruierten. Auch Baric war bei seiner Bestellung zum Teamchef 2000 lange genug in Österreich, um genügend „Haberer“ zu haben. In wesentlich erfolgreicheren Fußballnationen ist ein professionell-distanziertes Verhältnis zwischen Teamchef und Medienvertreter gang und gäbe. Auf den sportlichen Erfolg hat diese Beziehung also keinen Einfluss, demnach geht der Vorwurf ins Leere.

Vorwurf 2: Karel Brückner sieht sich zu wenig Spiele in Österreich an und ist daher über die Form einzelner Spieler nicht immer topinformiert.

Hallo, wir leben im 21. Jahrhundert. Von jedem Spiel gibt es 90 Minuten auf DVD und mittels Mobiltelefone (jaja, die gibt’s in Tschechien) sind Gespräche zwischen Wien und Olmütz kein Problem. Zudem: Wen hätte Brückner bei seiner Stadion-Tournee entdecken sollen? Drechsel (Witz, oder?)? Okotie (noch größerer Witz)? Stankovic (jetzt wird’s gemein)? So weh es tut, im Team haben unter Brückner – abgesehen von Verletzungen –  die momentan stärksten österreichischen Fußballer gespielt. Manninger – Garics, Prödl, Stranzl, Pogatetz – Säumel, Ivanschitz, Leitgeb, Korkmaz – Janko, Hoffer. Wer ist besser?

Vorwurf 3: Karel Brückner sucht nicht den Kontakt mit den Bundesligatrainern.

Ok, dieser Vorwurf ist berechtigt. Vorbildhafte Kommunikation sieht anders aus. Doch welche Erkenntnisse hätte der Teamchef aus solchen Gesprächen gewonnen? Kicker, die gut in Form sind, spielen bei ihren Clubs; schwache oder undisziplinierte Spieler sitzen draußen. Diese Fakten sprechen ohnehin für sich. Nachdem sich viele BL-Trainer gerne über die Strapazen ihrer Teamspieler beschweren (auch etwas provinziell-lächerliches), würde es außerdem nicht verwundern, wenn sie versuchen würden, Brückner ihre Spieler „auszureden“.

Einen Vorwurf, der wirklich schwer wiegt, hat Mark Jancko auf seiner Homepage veröffentlicht: Nach dem Färöer-Spiel seien Sponsoren und ÖFB-Funktionäre mit dem ersten Flieger zurück nach Wien, während die Spieler bis tief in die Nacht auf der Atlantikinsel ausharren mussten, obwohl am Mittwoch darauf das Match gegen Serbien stattfand. Ob ein früherer Flug etwas an der desolaten Leistung geändert hätte, sei dahingestellt. Symbolisch für die Unprofessionalität im österreichischen Fußballbund steht diese Episode dennoch.

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~ von jackoby - Oktober 25, 2008.

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