„Best practice“ Hoffenheim


Sonntag, 18.50 Uhr: Schlusspfiff im Cottbuser „Stadion der Freundschaft“. Schlusspfiff auch für einen kurzen Hoffenheimer Fußballtraum – vorerst zumindest. Der TSG 1899 Hoffenheim (u.a. mit Ibertsberger, Özcan) stand für knapp 26 Stunden an der Spitze der deutschen Bundesliga. Da der HSV mit einem Last-Minute-Treffer in Cottbus mit 2:1 siegte, übernahm der norddeutsche Traditionsclub wieder die Spitze.

Der TSG Hoffenheim bleibt dennoch die Überraschung der Saison. Nur zur Erinnerung: Hoffenheim ist ein Dorf im Bundesland Baden-Württemberg mit nicht einmal 4.000 Einwohnern. Einzig die Millionen von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp haben den Durchmarsch in die höchste Spielklasse ermöglicht. Noch wird in Mannheim gespielt, da Hoffenheim selbst über kein bundesligataugliches Stadion verfügt. Ab der Frühjahrssaison steht das Rhein-Neckar-Stadion in Sinsheim (eine Stadt in der unmittelbaren Nähe von Hoffenheim) zur Verfügung.

Hoffenheim ist ein Paradebeispiel für erfolgreiches Mäzenatentum: aufbauend auf Traditionen, mit klaren und realistischen Zielen, ohne verrückte Transfers am Spielermarkt. Hoffenheim ist eine wohltuende Ausnahme, denn Negativbeispiele gibt es beim schier unendlichen Thema „Geldgeber – Fußballclub“ genug.

In Österreich ist das Engagement von Red Bull bei (Ex-)Austria Salzburg sicherlich kein „best-pratice“-Beispiel. Die Klubfarben wurden geändert, der Verein umbenannt, das Publikum „domestiziert“ (hin zu wortwörtlichen „Zusehern“, die eher selten aktiv am „Event“ teilnehmen) – doch die Erfolge blieben aus. Nur ein Meistertitel, keine Champions-League-Qualifikation, nicht einmal der Einzug in die Gruppenphase des UEFA-Cups ist in den letzten drei Saisonen geglückt. Wer an sich selbst so hohe Ansprüche stellt, darf gegen Sevilla nicht derart alt aussehen.

Über die Gründe für die Misserfolge wird viel gemutmaßt. Eine mögliche Ursache ist die fehlende Kontinuität im Verein. Nach einigen schlechten Spielen ist Trainer Co Adriaanse bereits angezählt, wurde vor zwei Wochen in der Salzburger „Kronen Zeitung“ kolportiert. Es wäre nicht verwunderlich: Mäzene sind grundsätzlich ungeduldig, sie wollen den raschen Erfolg. In Hoffenheim darf Trainer Rolf Rangnick sein Konzep hingegen konsequent und langfristig durchziehen.

International schockt vor einigen Wochen Manchester City. Der Kommerzwahn der Premier-League war ohnehin angsteinflößend: Die meisten Vereine sind bereits im Besitz ausländischer Milliardäre. Die Pläne des Staatsfonds „Abu Dhabi United Group for Development and Investment„, der Ende August bei City einstieg und als Einstiegsgeschenk Robinho mitbrachte, dringen aber in neue Sphären vor. Im Winter wolle man rund 160 Millionen Euro für ManU-Superstar Cristiano Ronaldo bieten, kündigten die neuen Eigentümer an. Abgesehen davon, dass Ronaldo mit einem solchen Wechsel bei der Vergabe des Titels „größter Fußball-Verräter aller Zeiten“ in der ersten Reihe stehen würde, wäre die Ablösesumme schlicht und einfach pervers. Solche kruden Ideen hört man in Hoffenheim nie. Im Gegenteil: Der Verein zählt nicht einmal innerhalb der deutschen Bundesliga zu den „big spendern“.

Was alle Mäzene gemeinsam haben: Sie polarisieren und sorgen dafür, dass ihre Clubs weithin gehasst werden. Aber auch wenn „Bullen-Bashing“ und „Stronach-Verhöhnung“ quasi zum guten Ton im österreichischen Fußball gehören, sei hiermit eine Lanze für das Mäzenatentum gebrochen. Zumindest ist diese Form der Vereinsfinanzierung wesentlich transparenter und ehrlicher als jene versteckten Subventionierungen über bundes- bzw. landesnahe Unternehmen, die als Sponsoren diverse Fußballclubs finanziell unterstützen.

In der Bundesliga sind das beispielsweise der Verbund (Austria Wien), Wien Energie (Rapid), Flughafen Graz (Sturm), Kelag (Austria Kärnten) oder Tiroler Wasserkraft (Wacker Innsbruck). Da sich vor allem Energieunternehmen engagieren, könnte man polemisch festhalten: ein Teil der laufenden Stromerhöhungen fließt auf die gut gefüllten Geldkonten mittelklassiger Bundesligaprofis. So gemein kann man aber nicht sein. Da zertreten wir doch lieber eine Red-Bull-Dose.

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~ von jackoby - Oktober 5, 2008.

7 Antworten to “„Best practice“ Hoffenheim”

  1. den LASK nicht vergessen – der Hauptsponsor AVE ist eine Tochter der Energie AG

  2. oder diverse öffentliche Sicherheiten für Grazer Klubs… 🙂
    denke, das ist aber auch Aufgabe von Gemeinde/Land, heimische Vereine zu unterstützen!

    Hoffenheim sollte mMn beispielgebend für das Engagement von Red Bull sein!

  3. Natürlich gehören Fußballvereine auch mit öffentlichem Geld unterstützt. Aber die Unehrlichkeit stört mich: In der Steiermark hat es nach den GAK- und Sturm-Finanzdebakeln geheißen, es gäbe künfitg nur mehr öffentliche Unterstützung für Infrastruktur und Nachwuchs. Ein paar Monate später steigt der Flughafen Graz (Tochter der Graz AG, ehemalige Grazer Stadtwerke) als Hosensponsor bei Sturm ein.

    Grundsätzlich fällt mir aber auf, dass sich nirgendwo sonst in Europa die Mäzene derart ignorant aufführen wie bei uns. Auch wenn in der Premiere League der Wahnsinn ausgebrochen ist: Auf die Idee einen Klub umzubenennen oder neue Farben zu geben, ist noch keiner gekommen.

  4. Dietmar Hopp war gestern ja zu Gast bei „Doppelpass“ im DSF, und da hat man wieder mal deutlich gesehen was alles möglich ist, wenn man die Sache anders anlegt als Stronach und Mateschitz

  5. Alo meiner streitbaren Meinung nach haben Mäzene nichts, aber schon absolut gar nichts im Fußball verloren. Auch nicht ein Herr Hopp, der mit seinen zig Millionen Euro einen Dorfklub in die Bundesliga gehievt hat. Das ist erkaufter Erfolg, der nur entfernt etwas mit sportlicher Leistung zu tun hat. Wehmütig denke ich da an die SpVgg Unterhaching zurück, die aus dem Nichts kam und in die BuLi durchmarschierte. Ohne Gönner, ohne Sponsormillionen. Nichts desto Trotz ist das Mäzentum wohl das Modell der (nicht gerade rosigen) Zukunft. Einer Zukunft, in der der Fußball nicht mehr den Fans gehört, sondern aufgeblasenen Milliardären aus Russland, den USA und Abu Dhabi, die nur auf größtmöglichen finanziellen Erfolg aus sind.

    By the Way, betreffend geänderte Farben etc: Hoffenheim hieß früher „TSG 1899 Hoffenheim“, vor kurzem strich man (Hopp) die Bezeichnung „TSG“ . Begründung: Das klingt zu altbacken. Na das nenn ich mal Tradition.

  6. In ein paar Jahren spielen 18 Clubs aus Kuhdörfern wie Hoffenheim in der deutschen Bundesliga – ohne Fans, ohne Tradition. Die Zigmillionen Leute aus den Großstädten haben dann keine Identifikations-Mannschaften mehr. Anstatt Millionen zu euphorisieren, wird Fußball dann zu einem Egotrip von Milliardären wie Hopp. Die Fußballeuphorie in Deutschland wird deutlich abnehmen, es werden weniger Deutsche Fußball spielen und die wenigen werden weniger ambitioniert gefödert – und schließlich wird Österreich Deutschland wieder schlagen können. Es lebe Hoffenheim!

  7. 🙂

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