Ein Österreicher in Deutschland


Man wähnt sich in der allwöchentlichen Yoga- und Meditationsstunde. Leise haucht Christina Agiulera ihr „Jeanny in a Bottle“ durch den Lautsprecher über den Eingangstoren. Darunter stehen Hundertschaften an Fans, gewandet in den Farben des 1. FC Nürnberg. Jener Klub, der heute im Easycredit-Stadion (das in grauer Vorzeit als Frankenstadion bekannt war) gegen Alemannia Aachen antritt, dem neuen Klub von Andreas Lasnik.

Die ganze Szenerie hat Event-Charakter und erinnert in ihrer populär-gruseligen Art an die Abflughalle eines Flughafens. Man wird von einer freundlichen, aber bestimmten Männerstimme dazu aufgefordert, Flaschen ab einer bestimmten Größe an der Kasse abzugeben. Alles, was sich als Wurfgeschoß eignet, muss draußen bleiben. Ein kurzes Knarren in den Lautsprechern später, wird die Stimme mit dem angenehmen Tonfall wieder von einfallslosen und besänftigenden Pop-Melodien abgelöst. Sie sollen die Masse in Schach halten.

Sollte das der Musik nicht gelingen, stehen immer noch dutzende Polizeibeamte in ihren  grün-beigen Uniformen bereit. Präsenz zeigen, heißt das Gebot der Stunde. Auffallend: Keine Schlagstöcke, keine Rückenpanzer, keine Keflar-Schilde. Die sind wohl noch in den alten VW-T3-Modellen am Parkplatz verstaut und können bei dem leisesten Anzeichen von drohendem Ungemach ausgepackt und eingesetzt werden.

Nach ca. 20 Minuten, in denen man das mit 12,50 Euro billigste Ticket ergattert hatte, ins Stadion gelassen wird, tut sich der Blick in den Gästesektor auf. Zirka 400 Gelb-Schwarze skandieren „Aachen ist die schönste Stadt der Welt, Aachen ist die schönste Stadt der Welt…“. Soweit, so gut. Polizei ist keine in Sicht, von Ordnern fehlt jede Spur. Zwei Aachener mit beträchtlichem Backhendlfriedhof haben sich auf der Laufbahn des Stadions niedergelassen, und schwenken dort zwei überdimensionale Fahnen in den Klubfarben.

Das Match wird angepfiffen. Die Ultras beider Teams halten Transparente in die Luft. „Gemeinsam gegen das TV-Diktat“, steht dort zu lesen. TV-verträglich wurde die Partie nämlich am Sonntag um 14 Uhr angesetzt. „Total dämlich“, soll ein Nürnberg-Anhänger später sagen, „nur knapp 30.000 Zuschauer. Normalerweise würden mehr kommen, aber bei so einer Anstoßzeit?“. Diese Gretchenfrage schert die Verantwortlichen beim DSF wenig, kein einziges Mal wird später in der Zusammenfassung eines der beiden Transparente gezeigt. Wäre ja auch rufschädigend.

Nach ein paar Minuten folgt ein Corner der Gastgeber. „Der erste Eckball für Nürnberg. Auf geht’s CLUB!“, schallt es aus den Lautsprechern. Gefolgt wird dieser schier unglaubliche Motivationsschub von einem „Zisch! Das Spiel wird präsentiert von Kulmbacher, das Bier der Clubberer“. Ein schneller Blick…keiner fühlt sich belästigt oder kneift auch nur ungläubig die Augen zusammen. Nur als Österreicher kommt einem das irgendwie Spanisch vor. Klar, in der „tipp3-Bundesiga presented by T-mobile“ wird so gut wie alles zu Geld gemacht, trotzdem erscheint der Fußball in der Alpenrepublik nicht in so einem künstlich-sterilen Licht.

Dank der im internationalen Vergleich verhältnismäßig geringen Summen, die hierzulande in den Ballsport investiert werden und sicherlich auch dem provinziellen Ambiente unserer Stadien und Klubs, blieb dem TV- und Werbungsdikat die Tür zwar nicht ganz verschlossen – aber zumindest ist sie nicht offen wie ein Scheunentor. Anders ist es in Deutschland. In diesem Land, in dem ungleich größere Beträge zwischen den Klubs und den Sponsoren fließen, ist Fußball längst zur reinen Ware geworden. Kommerzialisiert, durchdacht, verplant, behütet. Die Fans mussten es größtenteils hinnehmen, haben resigniert. Angesichts dieser Übermacht kann man es ihnen aber nicht einmal übel nehmen.

Nach 92 Minuten ist die Partie vorbei, Nürnberg hatte einen 0:2-Rückstand aufgeholt und noch ein 2:2 erreicht, die Zuschauer verlassen langsam das Oval. Vor den Toren des Stadions werden Nürnberger Rostbratwürste feilgeboten. Zumindest tituliert man diese nicht als „Nuremberg’s BBQ-Bratwurstel powered by T-Mobile and Mercedes Benz“…

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~ von Stoffl - September 29, 2008.

3 Antworten to “Ein Österreicher in Deutschland”

  1. scheiß komerz beim fußball

  2. Alle Clubberer habben kleine Lümmels

  3. interessant, dass du als Rapidmann postest und gleichzeitig die Nürnberger schimpfst. Solltest du doch wissen, dass die Ultras Rapid und Ultras Nürnberg eine jahrelange Freundschaft verbindet! 🙂

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