A g’mahte Wiesn


Auf eine 87 Jahre lange Geschichte kann der Grazer Traditionsverein ESK jetzt schon zurückblicken. Seine Heimspiele trägt der Verein im alt-ehrwürdigen ASKÖ-Stadion in der Schloßstraße im XIV. Grazer Gemeindebezirk aus. Wir sprachen mit Jugendleiter Kurt Köck über fehlende Sponsoren, die Nachwuchsarbeit und natürlich über die legendäre Heimstätte des ESK.

Wiiiiiiikrkkrkrkr. Wiiiiii. Wiiiiiiiiiiiiiiii. Immer wieder durchschneidet das schrille Singen einer Motorsense die mitttägliche Stille in der Schloßstraße im Grazer Randbezirk Eggenberg. Die Sonne lugt unbeeindruckt für einige Momente hinter den dicken Wolken hervor, um Sekunden später wieder hinter dem weißen Dunst zu verschwinden. Nach einem kurzen Moment der Ruhe wirft der Mann am linken Ende der Betontribüne wieder seine Motorsense an. Dort, wo die Zuschauer normalerweise ihre Mannschaft anfeuern, wachsen Gras, Blumen und Unkraut – ungebetene Gäste, die es schnell zu entfernen gilt. Es ist es ein aussichtsloser Kampf, den der Mann im gelben Overall mit seiner motorisierten Sense gegen das Grün führt. Nur Tage später werden die Pflanzen die Heimstätte des Eggenberger Sportklubs wieder zurückerobert haben, so, wie sich der ESK seine Stellung im steirischen Fußball zurückeroberte.

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Mäharbeiten auf der Tribüne des ASKÖ-Stadions (Bild: Regger)

Bis vor fünf Jahren spielte der Eggenberger Sportklub in der steirischen Landesliga – in Kooperation mit dem „großen Bruder“, dem Grazer Athletik Klub. Damals hieß man noch ESK/GAK und wurde von den „Roten Teufeln“ finanziell unterstützt. Vor fünf Jahren endete die Zusammenarbeit, es folgte der bittere Gang in die erste Klasse, der niedrigsten steirischen Spielklasse. „Unser damaliger Obmann hat den Vertrag mit dem GAK aus unerfindlichen Gründen gekündigt. Wäre es umgekehrt gewesen, hätten wir eine komplette Mannschaft gestellt bekommen. So mussten wir aber absteigen, weil wir keine Spieler mehr hatten“, gibt der Jugendleiter und Kassier des Vereins, Kurt Köck, zu Protokoll. Der sympathische, ältere Herr setzt sich entspannt an einen typischen 70er-Jahre-Tisch in den Katakomben des Stadions. „Aber mittlerweile spielen wir wieder Derbys gegen den LUV und die Thaler.“

In den letzten Jahren konnte man sich sportlich konsolidieren, der Traditionsklub aus dem Grazer Westen schaffte den Aufstieg in die Gebietsliga Mitte. Statt vor acht bis zehn Zuschauern spielt die Kampfmannschaft nun vor durchschnittlich 50 Anhängern. „Leider muss man sagen, dass die auswärtigen Mannschaften aber immer noch mehr Fans mit nach Graz bringen als wir hier im Stadion haben“, meint das langjährige Vereinsmitglied im blauen Trainingsanzug.

Problematisch war die Zuschauersituation aber auch in der Landesliga in der Kooperations-Ära. Der GAK stellte und entlohnte damals die erste Mannschaft, deswegen hatte man beinahe keine Eggenberger Kicker in den eigenen Reihen. Die Folge: Die Anhängerschaft blieb aus. Jetzt, in der Gebietsliga Mitte, beträgt der Eggenberger-Anteil in der Kampfmannschaft zirka 70 Prozent, dennoch locken die 13 Nachwuchsteams teilweise mehr Publikum an als die Gebietsliga-Mannschaft. „So viele Zuseher wie bei unseren Junioren wünsche ich mir auch für die erste Mannschaft. Die Kleinen bringen beinahe ihre gesamte Familie mit – unglaublich, wie es da manchmal zugeht“, schwärmt der ESK-Veteran und lächelt stolz. Der Wunsch nach einem größeren Publikum hat einen einfachen Grund: Mit den ausbleibenden Zuschauern bleiben auch die Sponsorengelder meist aus.

Das war auch der ursprüngliche Grund für die Zusammenarbeit mit dem GAK – es fehlte bei den Schwarz-Blauen einfach an den entsprechenden finanziellen Mitteln für die Landesliga, also boten die „Roten Teufel“ monetäre Hilfe. Nach dem Abstieg in die fußballerische Tristesse der ersten Klasse musste man sich dann andere Wege der Finanzierung suchen. „Es ist schwierig, hier in Eggenberg Sponsoren zu finden“, meint der Ex-Sturm-Nachwuchstrainer, „aber eine große Hilfe ist uns die Stadt Graz. Die zahlt 1 000 Euro pro Mannschaft“. Im Fall des ESK ist es mit insgesamt 13 Teams also eine recht erkleckliche Summe die da zusammenkommt.

Dennoch tut man sich schwer, immerhin sind die Ausgaben des Vereins nicht unbeträchtlich. „Die Miete für das ASKÖ-Stadion ist recht hoch. Trotzdem sind wir sehr glücklich, hier unsere Heimspiele austragen zu können. Außerdem hat man früher den Fehler gemacht, dass man in den unteren Ligen den Spielern schon viel Geld bezahlt hat. Aber das ist ein generelles Problem im österreichischen Fußball“, meint der Leiter der Jugendabteilung und rückt seinen Stuhl zurecht. Für die Jugendmannschaften sei genug Geld da, nur wolle niemand Bares in die Kampfmannschaft stecken. „Für den ESK gilt: Keinen Cent Schulden! Also bleibt uns nichts übrig, als pro Saison die besten zwei Spieler zu verkaufen. Das Geld fließt dann zu je 50 Prozent in die Kampfmannschaft und in die Jugendteams“.

Wie auf Stichwort bimmelt plötzlich das Handy des ESK-Jugendleiters. Es meldet sich ein wechselwilliger Spieler, dennoch ist und bleibt der Ausdruck in Kurt Köcks Gesicht fröhlich und entspannt. „Das war unser Wandervogel aus Afrika. Ein netter Kerl, spricht wunderbares Deutsch, wechselt aber jedes halbe Jahr den Verein“, meint Köck und lächelt verschmitzt. „Mit seinen Späßen unterhält er die gesamte Mannschaft. Leider ist er nächste Saison weg“. Der besagte Spieler ist aber nur einer unter vielen gebürtigen Ausländern in den Mannschaften des ESK, viele davon haben die österreichische Staatsbürgerschaft. „Die meisten kommen aus Slowenien und Kroatien, wir haben aber auch Türken, Ägypter, Rumänen oder eben Afrikaner. Schwierigkeiten gibt es nur selten, und wenn, dann hängen sie mit der Trainingsleistung der Kicker zusammen“, erklärt das ESK-Urgestein.

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Ein Blick in den Süden des Eggenberger Stadions (Bild: Regger)

Als die Kugel im Themenroulette auf Sturm Graz und den GAK fällt, wird der Erz-Eggenberger ein bisschen nostalgisch. Schön waren die Zeiten, als die beiden Großklubs noch international tätig waren. „Die kleinen Vereine leben gut, wenn die großen sportliche Erfolge feiern“, meint Köck „dann entsteht eine gewisse Euphorie für den Fußball – und die Sponsoren machen dann mehr Geld locker“. Das Wirrwarr um den GAK tue ihm sehr Leid, sagt der nette, ältere Herr und lässt sich in seinen Stuhl sinken. Denn für den ESK wäre es extrem wichtig, wenn beide Klubs wieder im Oberhaus spielten. „Konkurse tun auch den kleinen Vereinen weh. Das haben wir am eigenen Leib zu spüren bekommen“. Trotzdem, das Überleben des Eggenberger Sportklubs scheint gesichert. Auch wenn die Kampfmannschaft unter chronischem Geldmangel leidet, die Jugendmannschaften sind gut versorgt. Zwei lokale Unternehmen schießen dem Verein Geld zu, der Klub selbst veranstaltete immer wieder Events rund um den Ballsport und die Eltern des ESK-Nachwuchses zahlen fleißig Mitgliedsbeiträge.

Und die Jugend ist es auch, auf die man beim ESK besonders achtet. „Der ESK hat eine große Bedeutung für den Stadtteil Eggenberg“, ist sich Köck sicher, „denn wir geben den Kindern die Möglichkeit, Fußball zu spielen“. Der Zuspruch ist dementsprechend groß, denn „immer wieder rufen Eltern an, um ihre Kinder bei uns unterzubringen. Wir sind ein Ausbildungsverein“. Und damit hat der Jugendleiter recht, betrachtet man die großen Namen, die aus dem Nachwuchs des ESK hervorgegangen sind – darunter zum Beispiel Markus Schopp, Walter Strohmayer oder Hans Pigel.

Kurt Köck persönlich bedeutet der ESK sehr, sehr viel, wie er selbst sagt. „Seit knapp 36 Jahren bin ich jetzt beim Klub, mein Sohn hat hier gespielt, mein Enkel ebenso. Wenn man so lange dabei ist, lebt man für den Verein“. Als Köck zum ESK stieß, gab es drei Jugendmannschaften. „Wir sind in ganz Eggenberg herumgewandert und haben Plakate aufgehängt, alles für eine ordentliche Nachwuchsarbeit“, erinnert sich Köck. Inzwischen kicken knapp 190 Kinder in Eggenberg, „und da hängt man dann natürlich schon an der Sache“. Zwischendurch sei er auch einmal beim SK Sturm gewesen und habe dort die U14 mit Spielern wie Mario Haas, Markus Schopp und Günther Neukirchner betreut. „Wir waren sehr erfolgreich – aber mit dem Erfolg kommen auch die Neider. Also habe ich den Verein verlassen und bin zum ESK zurückgekehrt“. Und seit seiner Pensionierung vor einigen Jahren hat er auch wieder mehr Zeit für „seinen“ Nachwuchs: „Es ist einfach schön, die Jugend wachsen zu sehen. Und Viele schaffen es auch in die Kampfmannschaft“.

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Die Haupttribüne des ASKÖ-Stadions (Bild: Regger)

Angesprochen auf das legendäre ASKÖ-Stadion, muss Kurt Köck etwas weiter ausholen. Seine ersten Erinnerungen an die Spielstätte des ESK gehen zurück bis in seine Jugend. „Ich bin in der Algersdorferstraße zur Schule gegangen. Nach dem Unterricht war der erste Weg ins Stadion, zum Kicken mit Freunden“. Jetzt schimpft man zwar manchmal über das Stadion, weil nichts hergerichtet oder repariert wird, aber sein spezielles Flair hat es nicht verloren. 2010 ist es damit aber vorbei: Das Stadion wird teilweise abgerissen und neu gebaut, man bekommt wahrscheinlich eine neue Halle, angeblich soll auch eine Hotelanlage entstehen. Wichtig ist Kurt Köck besonders die Tribüne, die soll nämlich näher ans Spielfeld heranrücken. „Der Fan will ja zum Spieler oder Schiedsrichter sagen können: ‚Du bist ein Depp!‘. Seien wir doch ehrlich: Das bringt Pfeffer in den Fußball!“, sagt der nette ältere Herr mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen. Recht hat er.

Nach dem Gespräch verlassen wir die Katakomben des Stadions. Auf der Laufbahn wärmen vier Leichtathleten auf, einer davon mit einer Beinprothese. Vor dem Stadion steht eine Gruppe Kinder mit Sack und Pack versammelt, anscheinend geht es auf einen Ausflug ins Grüne. „Jetzt möchte ich hören, wie laut ihr Indianer sein könnt“, ruft einer der zwei Betreuer – schon schallt ohrenbetäubendes Kampfgeschrei über den Vorhof der Arena und durchmischt sich mit dem Singen der Motorsense. Der Mann im gelben Overall kämpft noch immer gegen die Eggenberger Flora. Aber Unkraut ist bekanntlich unvergänglich – ähnlich dem Eggenberger Sportklub. Seit mittlerweile 87 Jahren ist der Traditionsverein in der Schloßstraße 20 zu finden – und für Eggenberg und seine Einwohner ist zu hoffen, dass dies trotz Geldnot auch in den nächsten 87 Jahren so bleibt.

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~ von Stoffl - Juli 25, 2008.

Eine Antwort to “A g’mahte Wiesn”

  1. ich spür grad richtig wie mir die Nostalgie den Rücken runter läuft 🙂

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